Verfolgte Frauen & Frauen im Widerstand


KATHARINA CURTIUS (†1629), ELISABETH KURTZROCK (†1628)

von Isabel Busch  

Als Hexen verbrannt

Bonn, 17. Jahrhundert. Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Hexen­wahns. In den knapp 200 Jahren, in denen dieser Wahn in Europa seinen Höhepunkt er­reichte, fielen ihm um die 60 000 Menschen, darunter viele Frauen, zum Opfer. Auch Bonn blieb davon nicht verschont. Als Sitz des kurkölnischen Erzbischofs und Kurfürsten (seit 1597) nahm Bonn unter Ferdinand von Bayern sogar eine un­rühm­liche Rolle ein. 


Zu den Bonner Opfern gehörte die Bürgermeisterswitwe Elisabeth Kurtzrock, die wohlhabende Wirtin des Gasthauses „Zur Blomen“, heute „Em Höttche“ genannt, auf dem Bonner Marktplatz. Auch Katharina Curtius wurde im Spätherbst 1628 verhaftet. Sie gehörte ebenso wie Elisabeth Kurtzrock zur vornehmen Schicht Bonns. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Gasthaus Em Höttche: Markt 4

INGE DEUTSCHKRON (1922-2022)

von Ulrike Klens

Journalistin & Schriftstellerin & Zeitzeugin - Ein Todesurteil und vier Leben

"Schließlich habe auch ich bis zum heutigen Tage Probleme mit der Frage, wie es mög­lich war, dass die Nazis in diesem Prozess der qualvollen Entrechtung der Juden so viele Helfer im deutschen Volk fanden, von denen Tausende zudem noch nach Möglichkeiten such­ten, sie schneller, sauberer und rationeller zu morden.

Inge Deutschkron stritt ihr Leben lang für die Erinnerung an die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und kämpfte gegen Antisemitismus und Rechts­extre­mismus. 
 

"Angst habe ich gehabt von meinem zehnten Lebensjahr an.

 

Erstes Leben: Geboren in Finsterwalde, kam Inge Deutschkron 1927 mit ihren Eltern nach Berlin. Als Jüdin überlebte sie den Holo­caust im Berliner Untergrund zwischen 1943 bis 1945 durch die Hilfe von Freundinnen und Freunden.

Zweites Leben: Als Journa­lis­tin ab 1955 in Bonn traf sie auf ehemalige NS-Funktio­nä­re in hohen Staatsämtern, Behörden und Institutionen und auf eine Be­völ­­ke­­rung, die zur Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen nicht bereit war. 

Drittes Leben: 1972 wanderte sie nach Israel aus. Dort schrieb sie ihre Autobio­gra­phie „Ich trug den gelben Stern“, die 1978 in der Bundesrepublik ein großer Erfolg wurde. 

Viertes Leben: 1989 wurde das Buch als Theaterstück „Ab heute heißt du Sara“ vom Grips-Theater ­in Berlin auf­ge­führt. Bis heute steht es im Programm. Inge Deutsch­kron kam dadurch mit Ju­gend­­lichen ins Gespräch. 2001, nach jahrelangem Pendeln zwischen Tel Aviv und Berlin, kehrte sie endgültig nach Berlin zurück. Auf ihre Initia­ti­ve hin entstand die einzige authentische Gedenkstätte „Stille Helden“ in Deutschland. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Bundespressekonferenz: Tulpenfeld 7
  • Wohnung 1958-1962: Thomastr. 44 
  • Wohnung 1963-1972: Oppelnerstr. 31 

SHIRIN EBADI (*1947)

von Ulrike Klens

Iranische Anwältin, Menschenrechtlerin, Friedensnobelpreis­träge­rin & Preisträgerin des Internationalen Demo­kra­tiepreises Bonn

"Mein größter Feind

ist die eigene Angst.
Doch ich habe gelernt,
meine Furcht zu über­winden.
“ 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Godesberger Redoute: Kurfürstenallee 1
  • Museum Alexander König: Adenauerallee 160

EVA GLEES (geb. LOEB) (1906-2006) 

von Gera Kessler 

Zahnmedizinerin & Emigrantin (Flucht aus Bonn 1935)

Eva Loeb studierte Zahnmedizin und legte ihr Staatsexamen ab - die für eine Berufs­tätig­keit notwendige Approbation wurde ihr verweigert. Mit dem bereits durch Einschüchterungen, Haft- und Folterstätten sowie Terror vorbereiteten „Ermächti­gungs­gesetz” vom 23. März 1933 war eine rassistisch begründete Judenfeindlichkeit Staatsdoktrin geworden. Auch Eva Loeb wurde bei der offiziellen reichsweiten Demonstration gegen die Juden am 1. April 1933 der Zutritt in die Zahnklinik verwehrt. Ihre Berufstätigkeit begann sie daher zunächst als Krankenschwester in Koblenz und dann als Sprechstundenhilfe des jüdischen Arztes Dr. Arthur Samuel in Bonn. Sie beendete 1934 unter großen Schwierigkeiten ihre Doktorarbeit, ihr wurde die Urkunde jedoch nicht ausgehändigt. In dieser Zeit war sie bereits mit Paul Glees, wissenschaftlicher Assistent am Anatomischen Institut, verlobt, dem heimlich angeraten wurde, sich von ihr zu trennen. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Erster Wohnsitz der Familie: Kurfürstenstr. 60
  • Wohnsitz der Witwe Agnes Loeb mit Stolpersteinen für Gertrud und Dora Loeb: Lessingstr. 22
  • Doktor-Eva-Glees-Straße

MARGARETA GOUSSANTHIER (BUCHELA)(1899-1986) 

von Gera Kessler  

Madame Buchela – die Seherin von Bonn 

"Nur ein Mensch mit der Freude am Augenblick, kann auch trübe Tage, Wochen und Monate meistern.“ (1983) 

  

Als „Madame Buchela – die Seherin von Bonn“ wur­de Margareta Goussanthier geb. Merstein be­rühmt in der jungen Bundesrepublik nach 1949. Sie er­warb sich weit über das Rheinland hinaus den Ruf einer viel gesuchten Wahrsagerin. Hochran­gi­ge Politiker der Bonner Republik und andere bekannte Persön­lichkeiten holten sich anscheinend bei ihr Rat. „Die Leute die zu ihr ka­men, die hatten tolle Sachen an, tolle Hüte, [...] Pelz­mäntel, das was man hier alles gar nicht kannte – die kamen wohl aus allen Bevölkerungsschichten“ wissen ihre Nach­bar*innen aus dieser ersten Zeit zu berichten. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Bundesviertel
  • Roma- und Sinti-Friedhof Platanenweg: Gerhardstr. 1

STILLE HELDINNEN: FRIEDA MAGER (1912-1994), SIBYLLA CRONENBERG (1870-1951), KATHARINA BAYER­WAL­TES (1914-2011) 

von Ulrike Klens 

"Gerechte unter den Völkern"

"Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ (Talmud) 

  

Der Ehren­titel  Gerechte unter den Völkern" ist die höchste Aus­zeich­­nung Israels für nicht­jü­dische Einzel­per­sonen, die Juden und Jüdin­nen wäh­rend des nationalsozia­listi­schen Terrors un­ter Ein­satz ihres Lebens vor der Vernichtung rette­ten. Sie wurde seit 1963 bislang 27921 Perso­nen zuteil, da­run­ter 641 Deutsche, davon 3 aus Bonn – die drei oben genannten Frauen. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Wohnung Frieda Magers bis 1944: Bonngasse 4a
  • Frieda-Mager-Allee
  • Wohnung Sibylla Cronenbergs: Bonner Talweg 73
  • Wohnhaus Katharina Bayerwaltes: Argelanderstr. 44

MARIE KAHLE (1893-1948) 

von Sybille Düning-Sommer

Lehrerin mit Zivilcourage

"Anstand und Ehre (sind) mehr wert als das Leben, und es (gibt) noch Menschlichkeit und christliches Leben in Deutschland."

Marie Kahle war eine deutsche Pädagogin, Bonner Bürgerin und eine politisch sehr interessierte Frau mit großem sozialen Verantwortungsbewusstsein. Bereits 1933 lehnte sie den Nationalsozialismus entschieden ab. Wegen ihrer Hilfe für jüdische Nachbarn und Freunde zur Zeit des Nationalsozialismus wurden sie und ihre Familie verfolgt. Über ihre Erlebnisse und ihre Flucht 1939 nach England berichtete sie 1945 unter der Überschrift "Was hätten Sie getan?" 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Wohnhaus von Marie Kahle: Kaiserstr. 61
  • Geschäft von Emilie Goldstein: Kaiserstr. 22
  • Glasbaustein auf dem Boden: Bonngasse
  • Marie-Kahle-Gesamtschule: Graurheindorfer Str. 80
  • Marie-Kahle-Allee

AMALIE VON LASSAULX (1815-1872) 

von Gera Kessler  

Oberin am St. Johannes Hospital & Gegnerin des Dogmas der Unfehlbarkeit des Papstes

 "Ja, sie war ein großer, freier Geist." (Königin Elisabeth von Rumänien 1904)

Amalie von Las­saulx steht für „so­zia­Ies Engage­ment mit einem kriti­schen Geist und ausge­präg­tem poli­ti­­schen Bewusst­sein". (Petra Habrock-Henrich) 

Amalie von Lassaulx ist über Bonn hinaus bekannt, weil sie an der Spitze der altkatholischen Bewe­gung stand, die wie sie das auf dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 verkündete Dog­ma der päpstlichen Unfehlbarkeit bei theolo­gi­schen Streitfragen ablehnte. Mit beispiellosem Einsatz baute sie ab 1849 in Bonn das St. Johannes Hospital auf­. Über 20 Jahre lang lebte sie für diese Einrichtung, bis sie abgesetzt wurde. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Gesundheitszentrum St. Johannes Hospital: Kölnstr. 54

ISA VERMEHREN (1918-2009)

von Isabel Busch

Kabarettistin, Musikerin, Schauspielerin, Ordensschwester, Lehrerin, Schulleiterin  

"Wollen wir aber einmal wieder in menschenwürdigen Zuständen leben, so müssen wir zuerst und vor allem anderen uns darauf besinnen, daß der Mensch das Kostbarste ist, was es auf der Welt gibt.“ (1947) 

Als einer "nicht-arischen" Mitschülerin verboten wurde, am Tag der Arbeit die Hakenkreuzfahne zu grüßen, verweigerte Isa Vermehren den Gruß. Dies führte zu ihrem Schulverweis. 1944/45 war sie als Sippenhäftling in den KZs Ravensbrück, Dachau und Buchenwald. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • St. Adelheid-Gymnasium: Pützchens Chaussee 133
  • Wohnort ab 1986: Schumannstr. 76
  • Friedhof Herz-Jesu-Kloster: Karmeliterstraße

ELSE WALDMANN (1913-2004)

von einer 7. Klasse der Karl-Simrock-Schule  

 "Bonn war doch meine Heimat" 

"Dort bin ich geboren, ich liebe Bonn, ich liebe Beethoven, und die Gräber meiner Familie sind auch hier." 
 

Else Waldmanns Mutter Babette stammte aus einer frommen jüdischen Familie, Vater Ludwig war Musiker des Orchesters Bonn. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Karola verlebte Else Waldmann eine glückliche Kindheit in Bonn. 

Im Juni 1941 wurde Else Waldmann gezwungen, in das von der Gestapo be­schlagnahmte Kloster zur Ewigen Anbetung in Endenich umzuziehen. Das Kloster war zum Sammellager für alle Juden Bonns und Umgebung umfunktioniert worden. Else musste ihren Hausschlüssel bei der Gestapo abgeben, als sie von ihrer Wohnung ab­geholt wurde. Am 27. Juli 1942 wurde sie schließlich nach Theresienstadt deportiert. 

Else Waldmann gehört zu den wenigen deportierten Bonner Jüdinnen und Juden, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben. Sie entschied sich ganz bewusst dafür, nach dem Krieg in Bonn zu bleiben, weil sie Bonn als ihre Geburts- und Heimatstadt liebte. 

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Clara-Schumann-Gymnasium: Loestr. 14 
  • Letzter Wohnort vor der Internierung: Viktoriastr. 26
  • Ehemaliger Modesalon Heumann: Martinsplatz
  • Ehemaliges Kloster zur Ewigen Anbetung: Kapellenstr. 44
  • Jüdischer Friedhof: Römerstraße

RUTH ZUCKER (1914-2011) 

von Barbara Degen 

Hundert Jahre Faszination für Menschen, Spache, Politik und Beruf

"Ich wurde 1914 in Bonn am Rhein geboren, mit einem ‚goldenen Löffel im Mund‘, der jedoch relativ früh schmolz, und leider blieb im Laufe meines Lebens gar nichts davon übrig."

Kindheit in Bonn. Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz und in den USA. Illegale Einwanderung nach Palästina. Berufstätigkeit in Israel als Spionin, Geschäftsfrau, Übersetzerin, Psychologin, Graphologin, Astrologin.

"Kann ich mein Leben voller Liebe umarmen und ein eindeutiges Ja zu ihm sagen?

Erinnerungsorte in Bonn:

  • Geburtshaus: Argelander Straße/ Ecke Poppeldorfer Allee
  • Ehemaliger Jägerhof: Weststraße
  • Ehemaliges Kaufhaus Koopmann: Marktbrücke